Eine Frage des Glaubens

Wie der geneigte Leser vielleicht mitbekommen hat, bin ich, was die Frage der Religion und/oder des Glaubens angeht keine ganz unbeleckte kleine frau.
Nun ist meine persönliche religiöse Identität etwas komplexer und da fangen die ganzen Schwierigkeiten eigentlich an. Es geht mir mal wieder, und gerade außnahmsweise weitestgehend unprovoziert, furchtbar auf den Geist, wie Leute auf Glauben und Religiosität blicken.
Ich lasse die fundamentalistische Strömung innerhalb der Atheisten da jetzt mal raus, die grundsätzlich allen religiösen/gläubigen Menschen unterstellen, sie seien weniger aufgeklärt/dümmer/unmündig im Kant’schen Sinne. Das ist nämlich purer Fundamentalismus of the kind, that tries to put the mental back into fundamentalist, um mal meinen Sonnensänger zu zitieren, der nun wirklich nicht in Verdacht geraten kann unkritisch mit Religion und Glauben umzugehen.
„Normale“ Leute im täglichen Kontakt reagieren, selbst in dieser doch noch sehr traditionell (und in diesem Fall vornehmlich katholisch) geprägten Gegend, mild irritiert, wenn man sich selbst als religiös im weitesten Sinne äußert. Vor allem zwei Dinge fallen ins Auge. Erstens: Man darf ja gerne glauben, aber bitte schön im Privaten und nicht so öffentlich darüber reden. Nun trage ich meine Identität beileibe nicht öffentlich vor mir her, ich gehe damit nicht hausieren, auch weil ich in veilen Dingen ein sehr privater Mensch bin. Aber wenn das Thema aufkommt (oder der Gegenüber mit unglaublich schlechtem Halbwissen wilde Behauptungen in den Raum stellt, weil irgendwas irgendwo gelesen oder gesehen wurde) verstecke ich mich nicht. Das führt zu Irritationen und zu zweitens: Es scheinen unglaublich viele Stereotype zum Thema Religion in den Köpfen, der Leute zu stecken und das betrifft nicht nur Religionen die als Minderheitenreligionen oder exotisch angeshen werden, sondern auch die immer noch viel beschworenen Grundlagen des „christlichen“ Abendlandes.
Es wird also angenommen, wenn ich öffentlich „zugebe“ zu glauben, dass ich auch fromm bin, mich an alle Traditionen halte, von denen man vielleicht mal was gehört hat, repräsentativ für alle anderen Gläubigen der selben übergeordneten religiösen Strömung und natürlich deshalb auch alle Fragen zum Thema und ggf. zu entsprechenden Fundamentalisten und Irren beantworten kann. Hinzu kommt hier lokal im speziellen noch (aber das habe ich an anderer Stelle schon mal erwähnt), dass automatisch erstmal davon ausgegangen wird, dass man christlich und zu 90% katholisch sei. Es sei denn man hat einen entprechenden Nachnamen, der suggeriert, dass die Vorfahren aus dem südlichen oder südostlichen Raum außerhalb Deutschlands kommen, dann ist man ja sicherlich Muslim. Alles andere wird als noch viel exotischer wahrgenommen.

Hier folgen, unsortiert, ein paar dieser üblichen stereotypen Vorstellungen, die ich grob aus den letzten gefühlt hundert Gesprächen zum Thema und oder das Thema streifend gesammelt habe, wer darauf empfindlich reagiert, solle bitte den Absatz überlesen:
(alle …)
Christen: gehen Sonntags in die Kirche; lassen ihre Kinder taufen; schicken ihre Kinder in den Religionsunterricht; lehnen Scheidung ab; lehnen Verhütung und/oder Abtreibung ab; hören immer auf ihren Pfarrer; können in religiösen Fragen nicht selber denken; missionieren; glauben nicht an Evolution; sind irrational, wenn es um Wissenschaft geht; können kritisches Denken und Glauben nicht miteinander vereinbaren; haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie gegen die Gebote der Bibel verstoßen; nehmen die Bibel wörtlich; sind Schuld an allem, was die Amtskirchen jemals falsch gemacht haben; lehnen Frauen in Kirchenämtern ab bzw. sind schon blöd sich in einer Kirche zu engagieren, die sie keine relevanten Ämter übernehmen lässt; folgen dem Papst; decken Mißbrauch durch Priester/Pfarrer; …
Muslime: hängen überlebten Rollenbildern an; Muslimas müssen Kopftuch tragen; wenn Muslimas kein Kopftruch tragen, haben sie sich das massiv erkämpfen müssen; sind unbefreit, unaufgeklärt und fromm; dürfen kein Schweinefleisch essen und keinen Alkohol trinken; haben keine höhere Bildung; schicken ihre Kinder in Koranschulen; glauben an arrangierte Ehen; haben eine höhere Affinität zu Gewalt; kommen aus einer rückständigen Kultur; können kritisches Denken und Glauben nicht miteinander vereinbaren; haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie gegen die Gebote des Koran verstoßen; nehmen den Koran wörtlich; glauben ihren (Hass-)Predigern alles; gehen regelmäßig in die Moschee, lassen ihre Söhne (und vielleicht auch ihre Töchter) beschneiden; Muslimas tragen lange Röcke; glauben dass alle Frauen potentiel Schlampen sind und nicht muslimische Frauen sowieso; illegale Einwanderer und sog. „Sozialschmarotzer“ sind meistens Muslime; sprechen kein ordentliches Deutsch; sind immer gefährdet sich zu radikalisieren und in den Dschihad zu ziehen; sind alles Antisemiten; mögen tief in ihrem Inneren keine nicht Muslime; wollen das „christliche“ Abendland unterwandern uns Scharia-Rechtsprechung einführen; glauben an Polygamie für Männer; alle „dunkelhäutige“ menschen sind Muslime; sind humorlos; …
Juden: sind fromm; Männer sehen entweder so aus, als seien sie aus einem osteuropäischen Schtetl des 19.Jhd gekommen oder wie junge Israelis kurz nach dem Wehrdienst; tragen immer eine Kippa; sind an ihrem jüdischen Aussehen erkennbar (du weißt schon, die Nasen, die Haare); gehen in die Synagoge; sind in der jüdischen Gemeinde; geben „den Deutschen“, auch den Nachgebornen, immer noch die Schuld am Holocaust; betrachten alle „Deutschen mit Argwohn; haben Verwandschaft im Holocaust verloren; haben Geld; sind immer auf der Seite Israels; sind gegen Palästinenser; sind verkappte Israelis; essen kein Schweinefleisch/haben komische Essgewohnheiten; sind beschnitten; bleiben unetr sich; sind die besseren Menschen (du eißt schon, wegen der schrecklichen Dinge die damals passiert sind); es gibt keine bösen, jüdischen Arschlöcher/es gibt nur böse, jüdische Arschlöcher; instrumenatlisieren den Holocaust; feiern komische Feste; heiraten nur untereinander; sind besonders kreativ (Hollywood), geldaffin (Bankensenktor) und Bildungsbeflissen (Anwälte, Ärzte); sind an Woody Allen Schuld; haben eine sterotype jüdische Mutter; lieben Havanagila und Klezmer; haben eine politische Lobby; werden regelmäßig mit Antisemitismus konfrontiert; instrumentalisieren Antesemitismus; hassen alle Araber oder betrachten sie zumindestens mit Argwohn; …
anderen Gläubigen: sind so interessant; sind so exotisch; sind so erleuchtet; haben komische Sitten (beliebiges Beispiel könnte hier folgen); …

Zurück zur kleinen frau 🙂
Schubladendenken geht mir ja sowiese auf die Nerven, aber gerade beim Thema Religion/Glauben scheinen immer mehr Leute ihr Gehirn auszuschalten. Liegt es daran, dass Religiösität zurückgeht? Oder weil Glaube im öffentlichen Leben, abseits von Papstansprachen zu Ostern, kaum stattfindet? Ist meine Beobachtung vor allem ein deutsches Phänomen?
Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass die Tatsache, das ich glaube (ganz davon ab, was ich glaube) genaus so wenig oder viel eine Rolle spielt, wie mein Geschlecht, meine Aussehen und meine anderen Eigenschaften und nicht gleich zu einer deutlich stärkeren Bewertung führt.
Liebe Gesprächspartner, natürlich werde ich auch wieterhin eure Fragen beantworten und eure Nuegier befriedigen, denn nur durch Austausch könnt ihr vielleicht einen Einblick in eine euch unbekannte Welt erlangen. Aber bitte denkt nach, bevor ihr eure Fragen formuliert, hinterfragt, was ihr zu wissen glaubt. Ihr seid keine kleinen Kinder mehr, die die Welt nicht kennen. Ihr seid erwachsene Menschen. Ein bisschen( Selbst-)Reflektion von euch zu erwarten kann nicht zu viel verlangt sein.

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