„I stand for anti-bigotry, anti-Semitism, and anti-racism.“ George H. W. Bush

Da ich nicht so zu Potte komme, wie geplant und damit es hier nicht noch länger rumliegt, der Tragödie erster Teil:

Mit etwas Abstand möchte ich mich jetzt auch nochmal zu der Diskussion um das Simon Wiesenthal Center , Jakob Augstein und die Frage des Antisemitismus äußern. Ich versuche ein wenig Struktur in meine Überlegungen zu bringen, möchte aber schon hier darauf hinweisen, dass keine wisenschaftliche Abhandlung folgt (dazu habe ich zu wenig recherchiert) noch ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht (mir wird sicherlich noch viel mehr einfallen, wenn ich noch länger darüber nachdenke). Aber ich warne euch, der Text wird lang.

Ein kleiner Hinweis noch: ich werde sowohl den Begriff Holocaust, als auch den Begriff Shoa verwenden, wo er mir passend erscheint. Die ganze Diskussion, welcher von beiden der bessere ist, will und werde ich nicht aufmachen, dazu kann man reichlich nachlesen und recherchieren. Und es gibt gute Gründe beide Begriffe ungeeignet zu finden.

Das SWC allgemein
Die Arbeit und das Lebenswerk Simon Wiesenthals, seligen Angedenkens, war enorm wichtig und es gab kaum jemanden sonst sich der mit solcher Hartnäckigkeit und ja auch Widerborstigkeit gegen Zeit und Geist dem Ziel verschrieben hat Kriegsverbrecher, die maßgeblich am Holocaust an den europäischen Juden beteiligt waren, vor Gericht zu bringen. So wichtig und eindrücklich, dass er  sowohl in Dokumentationen als auch verschieden fiktionalen Werken eine Rolle spielt.

Das Simon Wiesenthal Center (kurz SWC), gründet sich 1977 und benennt sich nach Wiesenthal. Nach eigenen Angabe ist ihr Ziel: is a global Jewish human rights organization that confronts anti-Semitism, hate and terrorism, promotes human rights and dignity, stands with Israel, defends the safety of Jews worldwide, and teaches the lessons of the Holocaust for future generations.
Damit ist ihre Rolle schon einmal viel größer und weiter gefasst, als alles, was Simon Wiesenthal selbst sich zur Aufgabe gemacht hat.
Meines Erachtens ist das eine logische Konsequenz, die sich aus mindestens drei Voraussetzungen ergibt: Zum einen ist es eine US-amerikanische und keine europäische Organisation (in ihrer Gründung und in ihren Ursprüngen, auch wenn es mittlerweile Ableger in verschiedenen anderen Städten der Welt gibt). Die jüdisch-amerikanische Perspektive ist eine andere als die (jüdisch-) europäische, wie in vielen anderen Bereichen natürlich auch. Zum zweiten gibt es da das „Problem“, dass je mehr Zeit vergeht, desto weniger Beteiligte an der Shoa sind noch am Leben. Es wird folglich immer schwieriger jemanden zur Verantwortung zu ziehen, wie ja auch zum Bespiel der Fall John Demjanjuk illustriert, der zur der Zeit, da ihm der Prozeß gemacht werden sollte schon über 90 Jahre war. Zum dritten ist es natürlich sinnvoll, sich als Organisation nicht nur auf ein „vergängliches“ Element zu stützen, sondern sich der übergeordneten Fragen  anzunehmen, also in diesem Fall Information und Bildung zum Thema Holocaust an den europäischen Juden und Antisemitismus als eine der Ursachen.

Die Rolle des SWC in der Diskussion
Seit 2010 veröffentlich das SWC jedes Jahr eine Liste unter der Überschrift Top Ten Anti-Israel/Anti-Semitic Slurs, übersetzt in etwas Die zehn (schlimmsten) Anti-Israel/ Anti-Semitischen Verunglimpfungen (des vergangenen Jahres). Sie bezieht sich explizit auf Äußerungen und ist nicht, wie die Presse es gerne gedruckt hat und dann fröhlich wieterpubliziert wurde die Liste der schlimmsten Antisemiten. Das ist ein wichtiger (!!) Unterschied. Die Liste von 2012 kann man hier einsehen.
Zwei Dinge fallen meines Erachtens sofort auf: Das SWC stellt Antisemitismus und Anwürfe gegen Israel auf eine Stufe und die Liste von 2012 enthält alles von blatant offenen Antisemitismus alter Schule (dass Antisemitismus nicht so offensichtlich und Julius-Streichers-Stümer-mäßig sein muss, keine Frage) bis hin zu Israel Kritik in Cartoons eines brasilianischen Zeichners. Das ist heikel. Zum einen muss Kritik an Israel als Staat erlaubt sein. Ja, es gibt Antisemitismus, der sich als Antizionismus und als Israel Kritik tarnt, aber nicht alle Israel-Kritk ist auch antisemitisch. Gleichzeitig geht enorm viel Trennschärfe verloren, wenn man undifferenziert beides auf eine Stufe stellt. Hier möchte ich jetzt zumindest kurz eine Betrachtung der selbst definierten Aufgabe des SWC anschließen, um den Punkt noch weiter zu unterstreichen:
Das SWC sieht sich als global Jewish human rights organization that confronts anti-Semitism, hate and terrorism, promotes human rights and dignity, stands with Israel, defends the safety of Jews worldwide, and teaches the lessons of the Holocaust for future generations.
global Jewish human rights organization: Mit ihren Standorten Los Angeles, New York, Toronto, Miami, Chicago, Paris, Buenos Aires, and Jerusalem ist die Oragnisation bisher noch nicht sehr global und immer noch sehr USA zentriert, aber als Anspruch und Ziel kann man das gut stehen lassen. Sie definieren sich als dezidiert jüdisch und auf Menschenrechte zentriert. Soweit unproblematisch.
confronts anti-Semitism, hate and terrorism,: Antisemitismus, Hass(verbrechen?) und Terrorismus werden auf eine Stufe gestellt. Bei den ersten beiden bin ich dabei (auch wenn es zahlreiche Diskussionen gibt, ob man die verschiedenen -ismen und -phobien so ohne weiteres jederzeit mit Hass auf eine Stufe stellen kann), Terrorismus hingegen finde ich schwierig. Terrorismus zu bekämpfen ist ein hehres Ziel, wie erfolgreich das letzendlich ist und mit welchen Mitteln man arbeitn kann/muss sei mal dahin gestellt, in dieser Aufzählung wird aber jeglicher Terrorismus unhinterfragt und übrigens auch undefiniert mit Antisemitismus und Hass auf eine Ebene gestellt. Und ich habe große Schwierigkeiten damit, mit welcher Leichtigkeit und in welchem Ausmaß der Begriff in den letzen 15 Jahren gebraucht wird. Weil er eben undefiniert und unhinterfragt auf alles Mögliche und Unmögliche angewandt wird und gerne auch (nicht nur im US-amerikanishcen Kontext) um jegliche Diskussion und weiters Hinterfragen und Kritik zu unterbinden. Und was die eine Seite in einem Konflikt las terrorismus bezeichnet, bezeichnet die andere Seite möglicherweise als Rebellion (siehe z.B. den arabischen Frühling).
promotes human rights and dignity : Bin ich dafür und ist immer eine gute Sache.
teaches the lessons of the Holocaust for future generations: Auch wichtig, insbesondere wenn über das eigentliche Ur-Ereignis hinausgegangen wird und die Frage gestellt wird, was können wir als Menschheit daraus lernen, mitnehmen und in Zukunft anders machen.
stands with Israel: Heikel, da es impliziert immer und unter allen Umständen zu Israel zu stehen. Und zu welchem Israel überhaupt? Der (zionistischen) Idee, dem Traum Israels als ewiger Heimat und ewig möglichen Rückzugsort. dem reellen Staat Israel? Oder etwa allem davon?
defends the safety of Jews worldwide: Ein hoher Anspruch, dem gerecht zu werden wie genau gewährleistet werden will?
Und natürlich die Frage will ich mich überhaupt vom SWC verteidigen lassen?

Aber um wieder zum Thema zu kommen: das SWC stellt also Jakob Augsteins Äußerungen in seinen Kolumnen auf eine Stufe vornehmlich mit Männern (und es sind außschließlich Männer auf der Liste) die in besten Julius Streicher/Stümer Manier die Auslöschung der Juden forden und an die jüdische Weltverschwörung glauben. Als Kronzeugen wird Henryk M. Broder bemüht, der vor allem für seine Polemiken bekannt ist. Von Polemiken kann man halten, was man will, ich schätze sie im journalistischen und diskursiven Kontext sehr, aber sie wortwörtlich zu nemhen und die inhärente Polemik nicht zu erkennen wird ihnen nicht gerecht und führt zumindest zu Misverständnissen.

Mehr zu Augstein und den konkreten Kritikpunkten im zweiten Teil.

 

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