Lasst uns vom Heiraten sprechen …

Das mit dem Heiraten ist ja so eine Sache; sicher ist nur, dass heiraten auf jeden Fall erst einmal zur Ehe führt, und das ganz viele Leute möglicherweise sehr traditionelle und möglicherweise veraltete Vorstellungen von Ehe haben, dürfte auch nicht neu sein.
Ich selbst war auch schon auf der ein oder anderen Hochzeit. Und es ist mir (und uns) immer wieder aufgefallen, wie sehr Paare plötzlich in sehr seltsame traditionelle Rollen fallen, wenn es bei ihnen soweit ist. Nicht immer entspricht das unbedingt dem Willen des Paares; schon häufiger konnten wir beobachten, dass Familie und Bekanntenkreis und Dorf mit ihren Erwartungen die Hochzeitsfeier mehr prägen, als das Paar selbst; und dann hat man plötzlich die beiden Goths‘, die für Mutter/Oma/Tante/Onkel/Vater/Opa … in weißem Spitzenkleid heiraten, mit Catering im Dorfgasthof und Hochzeitswalzer vom Alleinunterhalter und sich hinterher darüber ärgern. Und das finde ich enorm Schade. Denn schließlich heiratet ja nicht die Anverwandtschaft, sondern das Paar und es sollte ihr Fest und ihr Tag sein.
Zugleich kommt heute immmer auch gleich die Frage, warum man eigentlich überhaupt heiratet, besonders wenn man sonst nicht so als konservativ/traditionell rüberkommt. Und ehrlich gesagt, finde ich, das muss jedes Paar für sich selbst wissen, ob und wie und warum man sich dazu entscheidet oder eben nicht. Ich bin auf die Frage, wie auch auf einige andere, immer eher flapsig eingegangen, auch weil sie mir ein bischen zu doof war, und habe was von Sozialpunkten gesagt.

Der Sonnensänger und ich haben ja auch geheiratet (ist allerdings auch schon wieder 3,5 Jahre her) und wir haben uns vorher enorm viele Gedanken gemacht um Traditionen, um Symbolik und darum, was wir eigentlich wollen. Denn uns war auch aufgrund obiger Erfahrungen ganz wichtig, dass unsere Hochzeit eben genau das sein soll unsere. Und glücklicherweise wusste ich von den Pfarrern in meiner Verwandt- und Bekanntschaft, was alles so möglich ist.
Es wurde Standesamt unter der Woche (nur in Familie und mit Trauzeugen, die ja mittlerweile optional sind) und ja, eine kirchliche Trauung am Samstag. Für uns persönlich bleibt nämlich der standesamtliche Rahmen nun einmal eine Vetragsunterzeichnung, die gesetzlich notwendig, aber emotional und spirituell unerfüllend ist. Da die Ehe das einzige Sakrament ist, dass sich die Beteiligten selbst spenden, hätte es nicht einmal einer Entscheidung für einen Geitslichen bedurft, aber wir haben uns dann doch in einer evangelischen Kirche von zwei Pfarrern, die jeder für einen von uns beiden eine besondere Bedeutung haben, trauen lassen. Einer davon war mein Vater.
Unser selbstgewählter Trauspruch lautet: Lasst uns nicht lieben mit Worten und mit dem Munde, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit. (1.Joh, 3.18) und wer uns kennt, kann sich vielleicht denken, warum es nicht einer der üblichen geworden ist 🙂
Wir hatten zwei Predigten, eine über den ersten Teil des Trauspruches, das Lieben mit Wort und Mund, und eine über Tat und Wahrheit. Vier Freunde haben uns eine vierstimmige Version zu 1. Korinther 13 gesungen (und hier teste ich mal eure Bibelfeste bzw, Recherchefähigkeiten, indem ich nicht dazu schreibe, welcher bekannte Text das denn nun ist). Und wir haben mit allen gesungen: Morning has broken/Morgenlicht leuchtet; Einander brauchen mit Herz und Hand; Ich sing dir mein Lied und Verleih uns Frieden gnädiglich.
Was zum Gottesdienst noch zu sagen bleibt: Wir sind gemeinsam als Brautpaar eingezogen, wir sind nämlich beide schon mündig und emanzipiert und keiner von uns muss sich in die Munt einer anderen Person übergeben lassen. Wir haben uns gegenseitig das Eheversprechen gegeben, mit allem was dazugehört lieben, achten, ehren, Gesundheit, Krankheit, Tod, wir sind nämlich zwei kleine Radikale und meinen das auch so. Ich habe nicht in weiß geheiratet, kein 100% Polyester-Scarlett O’Hara-Gedenkkleid, keine unbequemen, nie wieder brauchbaren weißen Lackschuhe und auch sonst wenig Schnickschnack, mein Kleid war aus auberginenfarbenen Stoff und terrakotta-orangenem Brokat und vom Stil her eher ein Mittelalter/Fantasy Ding, mit Schnürung über Brust und Taille und chinesischen Samtballerinen in Bordeauxrot. Ich hatte frische Blumen im Haar. Der Sonnensänger trug ein graues Hemd, eine schwarze Hose und eine silberne Weste und zur Abwechslung mal keine Sandalen, obwohl es Sommer war 😉 Zumindest bis zur Feier, danach sahen wir beide etwas legerer aus, auch weill es ein ganz schön warmer, sonniger Juli war.
Nach der Kirche und ein paar kleinen Fotos und so, sind wir mit allen eingeladenen Kindern und sovielen Erwachsenen wie noch mit drauf passten in einem Kremser zum Haus meiner Schwiegermutter gefahren, um daselbst im Garten mit allen unseren bunten Gästen zu feiern. Statt Geschenken hatten wir uns kleine Beiträge zum Buffet erbeten, die Hochzeitstorte hat unser Trauzeuge (Physiker und Hobbykoch) gemacht, und es gab erst ein großes, vielfältiges Kuchenbuffet und abends Fleisch, Gemüse, Käse und Würste vom Grill und Salat, Brot und weitere wunderbare Beilagen. Musik wurde selbst gemacht, es gab wunderbaren schwäbischen Wein, den unsere Trauzeugin mitgebracht hatte, Wasser, Brause und westfälisches und Ruhrgebiets Bier. Zwischendurch öffnete sich der Himmel und es stürmte und goss ganz wunderbar, die Kinder liefen halbnackt durch den Regen, die Braut freute sich über den Sturm, der genau ihr Wetter war und die Gäste saßen entweder im Zelt oder im Haus und feierten fröhlich weiter.
Und ab und an kommt auch heute nochmal einer vorbei und sagt, was für eine schöne Hochzeit das war und wie gut sie sich untehalten haben und welche neuen Leute sie so kennengelernt haben.

Und das ist mein Plädoyer zum Thema Hochzeit; wenn ihr heiraten wollt (oder von mir aus auch eine andere große Familien- und Freundesfeier veranstalten), dann macht etwas daraus, dass zu euch passt und lasst euch nicht von Traditionen oder Familie oder was weiß ich zu etwas überreden, was ihr so nicht wollt. Das soll nicht heissen, dass ihr alle Traditionen über Bord werfen sollt. Wenn ihr euch das weiße Kleid und den Hochzeitswalzer wünscht, macht das, aber wenn ihr lieber an die Nordsee fahren wollt und am FKK-Strand im kleinen Kreis heiraten und hinterher Taschenkrebse auf die Hand essen wollt ist es auch ok. So oder so wird es immer Kritiker geben, aber je mehr es das ist, was ihr wolltet, umso mehr werdet ihr und eure Gäste sich positiv daran erinnern.
Und jetzt geht los und lebt wild und wunderbar!

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Lasst uns vom Heiraten sprechen …

  1. Meine 10 cts…
    ich krieg schon „evangelisch“ und „Ehesakrament“ nicht übereinander. Das Ehesakrament gibt es nur in der katholischen Kirche. (Und vielleicht bei den Orthodoxen, aber nirgends, wo man sich auch nur weitläufig auf die Reformation beruft.)
    Sodann: ob in Deutschland oder Frankreich (bei Don Camillo, in Großbritannien und USA ist das anders!), es kommen nie Brautleute in die Kirche, sondern immer Eheleute. All die hübschen Filme, wo die Braut vor dem Altar wegläuft und deshalb die Eheschließung platzt, sind für Unwissende gemacht, denn auch in Deutschland darf ein Geistlicher eine Ehe nur segnen, wenn sie vor dem Standesbeamten geschlossen ist. Falls das entsprechende Paragräphchen mittlerweile aus dem StGB verschwunden sein sollte, steht es aber immer noch entsprechend in den Kirchenordnungen. Meinereiner riskiert sogar ein Jahr Haft und eine halbe Million Euro Strafe – parole de République Française.
    Deshalb ist dieser „Eigentumsübergang“ der Braut aus der Macht des Vaters in die Hand des Eheherrn nicht nur anachronistisch, sondern selbst wenn man ihn irgendwo annehmen wollte, in der Kirche völlig fehl am Platz. Wer sowas machen will, dann doch bitte vor dem Standesbeamten, und nicht die verheiratete Frau auf einmal wieder an den Vater hängen, nur der Show halber.
    Um so seltsamer mutet sowas aber an angesichts der Tatsache, daß die nunmehr jungen Eheleute meist schon einige Jahre eheähnlichen Lebens hinter sich haben. Und dann so einen Aufzug?

    Was die kirchliche Segensfeier angeht: wir leben davon. Also hier in Frankreich. Und trotzdem – mein Kirchmeister liest es ja nicht, und wenn doch, ists mir auch egal – möchte ich darauf hinweisen, daß die Kirche kein Dienstleistungsbetrieb ist. Die Aufgabe der Kirche (KircheN!) ist nicht, irgendwem Freude zu bereiten oder einen interessanten Rahmen für eine familiäre Feier zu geben, sondern das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Man kann mit Pfarrern (und Kirchenvorständen, falls Unstimmigkeiten aufkommen) zwar vieles absprechen und an der Form vieles ändern, aber der Kern bleibt nicht die Feier, sondern das Evangelium. Bei meiner letzten Ehesegnung waren die beiden eigentlich nur wegen ihrer Mutter in die Kirche gekommen, und das merkte man auch: die Mutter hörte aufmerksam zu, die Eheleute nicht, die Kinder auch nicht, und die 100 Gäste erst recht nicht, die warteten nämlich nur darauf, daß es endlich Kaffee und Kuchen gäbe.
    Ich bilde mir ein, daß meine Predigten nicht einschläfernd sind, und muß einfach sagen, für rund 70 Stunden Einsatz meinerseits hätten die zwei wenigstens mal so tun können, als interessierte sie, was ich sagte. Also, wer nur Show haben will, möge sich einen Schauspieler suchen, der im Schloßhof oder am Fallschirm oder sonstwo so tut, als wäre er ein Geistlicher.
    (sorry, ist ein bißchen bitter. Liegt vielleicht an der Tageszeit und… überhaupt gerade.)
    Das trifft sich übrigens mit deinen letzten Zeilen: wenn den jungen Eheleuten was dran gelegen hätte, sich wirklich dort mit Gott zu treffen, dann hätten die Gäste das auch gewußt und gespürt, statt nur während 45 Minuten drauf zu warten, daß es endlich zuende ist.

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