Ich glaube … ihr seid seltsam

Mal wieder das Thema Religion; wie viele andere Themen die einen engen Bezug zu Identitäten haben, fällt mir dazu immer mal wieder etwas auf oder ein. Und jetzt die Tage habe ich mal wieder gemerkt, dass ich nicht aus der „heilen“ unhinterfragten Westdeutschland*-Welt komme.

Als noch viel kleinere Frau bin ich ja in der a-religiösen damals noch nicht Hauptstadt Berlin geboren. Und die Berliner haben im großen und ganzen ein relativ entspannt spöttisches Verhältnis zu Religion im Allgemeinen und den diversen Kirchen und Glaubensgemeinschaften im besonderen. Es gibt wahrscheinlich fast alle Formen von Glauben in Berlin, viele auch irgendwie institutionell, und alle werden nach guter Tradtion des alten Fritzen toleriert, aber eben auch weitestgehend ignoriert. Sicherlich sind einige nominell in der Kirche und nutzen diese vielleicht auch aus Hintergrund für Trauungen und Beerdigungen, aber damit hat sich das auch. Es gibt natürlich auch die UBoot Christen/Juden/Muslime, die zweimal im Jahr zu großen Feiertagen im Tempel ihrer Wahl auftauchen, aber auch für die spielt Religion in ihrem täglichen Leben eigentlich keine Rolle. D. h. aber auch, dass die großen christlichen Gemeinschaften zwangsläufig eng zusammenarbeiten. Ökumene ist fast ein Muss und die Ausrichtung allgemein eher liberal – natürlich gibt es auch Fundis, abr wo gibt es die nicht. Deshalb mache ich mir gerade auch weniger Sorgen über die Ernennung Woelkis als Nachfolger des verstorbenen Erzbischof Sterzinsky. Selbst wenn er so konservativ ist, wie sein bisheriger Meister, wird er da in Berlin nicht weit mit kommen.

Weshalb ich aber eigentlich mit Religion und Glauben angefangen habe: In Berlin ist die Frau, die was mit Religion oder gar Kirche/Glaubensgemeinschaft zu tun hat Teil einer Minderheit. Und wenn man es nicht vor sich her trägt, pfeifft da kein Schwein nach. Der gemeine Berliner wird davon ausgehen, dass man säkular ist, oder eben laut Steuereklärung christlich, so what? Will sagen mein Glaube hat für andere erst einmal keine Relevanz und ich muss auch niemanden meine komplizierte religiöse Identität erklären. Hier in der Domstadt hingegen scheint es interessant zu sein. Hier wird im Umkehrschluss davon ausgegangen, dass man wahrscheinlich religiös ist, möglicherweise was mit Kirche am Hut hat und im Zweifelsfall katholisch ist. Und das finde ich immer ncoh seltsam. Ich werde nämlich a) ungern in Schubladen gesteckt, finde b) das Thema zwar interessant, aber nicht relevant für meine Einordnung und möchte c) den Leuten nicht erklären, wo ich religös herkomme , wo ich mich befinde und warum das nicht so einfach zu klassifizieren ist.

P.S. Ich war die Woche mal wieder mit so einer selbstverständlichen Annahme konfrontiert. Und das stellen sich meine Nackenhaare auf und mein innerer Widerborst will dann immer gleich auf Konfrontationskurs gehen, weil sie findet , dass das Leute etwa soviel angeht, wie die Farbe meiner Unterwäsche.

*Auch als gebürtige (West-)Berlinerin fallen mir doch noch immer wieder die mehr oder weniger großen Unterschiede zwischen Westdeutschland – wo meine Restverwandtschaft lebte und lebt – und Berlin auf, dass als ich ganz jung war und die DDR noch existierte, schon etwas sehr Eigenes war, sowohl in seinem Verhältnis zum „Osten“, als auch in seinem Verhältnis zur Rest-BRD.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Ich glaube … ihr seid seltsam

  1. Hier im weiteren Umfeld der Domstadt (und diesem Erzbistum zugehörig) ist das noch doller. Um deine Redeweise zu übernehmen:
    Hier wird davon ausgegangen, dass man ziemlich sicher religiös ist, selbstverständlich was mit Kirche am Hut hat und mit großer Wahrscheinlichkeit katholisch ist.
    Im besten Falle kann man es als freundliches Vereinnahmen deuten…

    • Du bist ja auch ncoh etwas südlicher verortet als ich. Meine Dom- und Universitätsstadt ist sozusagen eine katholische Enklave im nördlichen Teil des Bevölkerungsreichsten Bundeslandes. Und Die meisten hier verstehen sich schon fast als eher Norddeutsch 😉

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